KI-Vermittler*innen in sozialen Organisationen – Eine neue(?) Rolle, die wir jetzt schaffen müssen!

Zwei Personen arbeiten gemeinsam an einer transparenten Tafel mit Diagrammen, daneben Haftnotizen mit der Aufschrift „KI-Vermittlerin“ und „KI-Vermittler“, als Symbol für die vermittelnde Rolle zwischen Technologie und Fachpraxis.

These: Wenn wir Künstliche Intelligenz – sei es generative oder andere – in sozialen Organisationen technisch und fachlich verantwortungs- und sinnvoll gestalten wollen, brauchen wir dringend mehr Vermittler*innen, die als Schnittstelle zwischen beiden Bereichen fungieren. Welche Kompetenzen diese Menschen brauchen und warum sie unverzichtbar sind? Darum geht es im heutigen Beitrag. Er ist als Einladung zur Diskussion gedacht, ich freue mich also über Feedback und Austausch. 😉

Eigentlich hatte ich heute ein anderes Thema in meiner Content-Planung stehen, doch die besten Themen entstehen nicht unbedingt während der Planung. Das hat vor kurzem auch meine Content-Managerin Steffi in ihrem hervorragenden Content Kurier Newsletter beschrieben.

Der heutige Beitrag geht auf einen wertvollen Austausch zurück, den ich mit der geschätzten Barbara Geyer, unter anderem Professorin bei der University of Applied Science Burgenland, auf LinkedIn hatte. In den Kommentaren zu einem ihrer lesenswerten LinkedIn-Beiträge kamen wir darauf, dass uns in Organisationen der Sozialwirtschaft und der Zivilgesellschaft, in Sachen (generative) KI oft eine Vermittlungsrolle zwischen dem IT-Bereich und den Fachbedarfen fehlt.

Im Screenshot unten seht ihr den relevanten Teil des Kommentarverlaufs. Wenn euch das Thema interessiert, empfehle ich euch, Barbara Geyer auf LinkedIn zu folgen. Es lohnt sich.

Das Ausgangsthema unserer konkreten Diskussion war der Datenschutz und das dafür nötige technische Verständnis. Doch wie ihr seht, kamen wir dann schnell auf einen allgemeinen Punkt.

Interessanterweise passt der hervorragend zu meinem letzten Beitrag, in dem ich erklärt habe, warum die Soziale Arbeit aus meiner Sicht mehr digital-affine Menschen braucht.

Screenshot einer LinkedIn-Diskussion, in der Barbara Geyer und Christian Müller über KI-Governance, fehlende Rollen zwischen IT und Fachabteilungen sowie den Bedarf an qualifiziertem Personal im sozialen Bereich sprechen.

Doch was bedeutet das konkret für die Rolle, die ich hier in Ermangelung eines besseren Begriffes mal „KI-Vermittler*innen“ nenne?

Warum wir KI-Vermittler*innen als Übersetzen und Schnittstelle zwischen IT und Fachkräften der Sozialen Arbeit brauchen

Ein Hinweis vorab: Auch wenn das im Folgenden teilweise so klingen könnte, liegt es mir fern, die Kolleginnen und Kollegen aus dem IT-Bereich in irgendeiner Weise zu kritisieren. Mir ist völlig klar, dass ihre Arbeit im Sozialbereich oft durch knappe Ressourcen, längsten ich immer ausreichende Wertschätzung und zahlreiche andere Faktoren erschwert wird.

Wenn ich also schreibe, dass wir eine Vermittlungsrolle brauchen, dann nur deshalb, weil der IT- und Technikbereich sowohl inhaltlich als auch sprachlich sehr weit von der fachlichen Sprache und Denkweise von Fachkräften der Sozialen Arbeit in all ihren professionellen Ausprägungen entfernt ist.

Das war und ist schon bei den Digitalisierungsprojekten der letzten Jahre immer wieder problematisch, beim Thema der verantwortungsvollen und sinnvollen (generativen) KI-Nutzung wird das jedoch noch viel deutlicher – und leider auch spürbarer.

Aktuell treffe ich in meiner Begleitungsarbeit oft auf zwei Haltungen, die ich hier mal zugespitzt darstelle:

  • Die einen sehen generative KI, aktuell das Hauptthema und das, worauf ich mich hier fokussiere, rein aus Sicht der Anwender*innen. Hier geht es dann primär darum, welche Tools formal DSGVO-konform eingesetzt oder welche Daten im Rahmen der Datenschutzvorgaben gerade noch so eingegeben werden dürfen. Ihr ahnt es: Datenschutz wird hier als formaler, meist hinderlicher Faktor gesehen.
  • Am anderen Ende der KI-Skala, diese treffe ich zugegebenermaßen seltener an, stehen Menschen, die sich tief in die Technik der KI-Modelle und -Systeme eingearbeitet haben. Sie befassen sich auch mit den mathematischen Grundlagen, dem Bias und der Qualität der KI-Modelle, betrachten das gesamte Thema fast ausschließlich technisch und strategisch und würden das KI-System am liebsten selbst betreiben – wenn es die Ressourcen denn zuließen.

Beide Pole haben ihre Berechtigung, doch beide greifen zu kurz. Und klar, in der Praxis bewegen sich die meisten Organisationen und mit dem Thema befassten Menschen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.

Dennoch überwiegt in der Regel einer der beiden Pole. Soziale Organisationen brauchen, davon bin ich überzeugt, jedoch eine gute, individuell abgewogene Kombination beider Bereiche. Die lässt sich jedoch nur herstellen, wenn zwischen dem Bedarf der Fachkräfte der Sozialen Arbeit und den Anforderungen von Technik und Datenschutz vermittelt und strukturiert abgewogen werden kann.

Das ist, wie Barbara Geyer es in ihrem Kommentar so treffend formuliert, eine Rolle nötig, die konzeptionell im Grunde klar ist, allerdings bei den wenigsten sozialen Organisationen existiert.

Dafür gibt es aus meiner Sicht hauptsächlich zwei Gründe:

  1. Uns fehlen in der Sozialen Arbeit die Menschen, die die nötigen Kompetenzen und Kenntnisse in sich vereinen. Zumindest in der Fläche.
  2. Das Bewusstsein für die Bedeutung und Notwendigkeit der Rolle ist auf der Führungsebene nicht oder nicht ausreichend vorhanden. Dadurch fehlen natürlich auch die für die Besetzung und Gestaltung der Rolle nötigen Ressourcen.

Und ja, ich bin davon überzeugt, dass die meisten sozialen Organisationen die nötigen Ressourcen beschaffen könnten, wenn das Thema und die Rolle als wichtig genug erkannt oder bewertet würden. Kooperationen mit anderen Trägern und Einrichtungen, Programme von Spitzenverbänden, Förderungen – all diese Optionen existieren, werden aus meiner Sicht jedoch noch viel zu wenig genutzt.


Nötige Aufgaben und Kompetenzen der KI-Vermittler*innen

Wenn die Rolle der KI-Vermittler*innen so, wichtig ist, welche Aufgaben erfüllen sie dann genau?

Aus meiner Sicht sind die folgenden Aspekte unverzichtbar:

  • Ermittlung der realen Bedarfe und sinnvollen Anwendungsgebiete generativer KI in der jeweiligen sozialen Organisation. Dazu gehört in den meisten Fällen auch, durch passende Angebote Fachkräften zunächst das Potenzial generativer KI zu vermitteln und greifbar zu machen.
  • Kenntnisse der Anforderungen an den verantwortungsvollen Einsatz generativer KI aus Sicht des Datenschutzes und der Technik.
  • Verständnis sowohl der technischen als auch der sozialen Fachsprache, um zu erkennen, wann beide Bereiche das Gleiche meinen, es aber deutlich anders formulieren.
  • Umfassende Kenntnisse und fortlaufende Beobachtung der aktuell verfügbaren KI-Systeme und ihre Einschätzung unter Berücksichtigung der fachlichen, technischen und datenschutztechnischen Anforderungen.
  • Koordination und Begleitung der internen Kommunikation von KI-Projekten, -Einführung und -Nutzung in der Organisation.

Ein sehr umfassendes Aufgabenspektrum, das naturgemäß Überschneidungen mit der aktuell häufiger anzutreffenden Rolle der KI-Beauftragten und IT-Verantwortlichen hat. Wichtig sind jedoch der kommunikative und begleitende Charakter und Fokus.

Die Koordination von IT-Projekten und die Vertretung des Themas liegen aus meiner Sicht bei den KI-Beauftragten, bei denen es sich oft um Mitarbeitende aus dem IT-Bereich handelt.

Um diese Aufgaben sinnvoll und wirksam erfüllen zu können, benötigen KI-Vermittler*innen einige Kompetenzen. Die aus meiner Sicht wichtigsten:

  • Kommunikationsfähigkeit und Freude an der Kommunikation komplexer Themen und an der Vermittlung zwischen verschiedenen Fachgruppen und -bereichen.
  • Digitale und technische Affinität und die Bereitschaft, sich auf das Thema der generativen KI und die damit verbundenen anderen technischen Themen einzulassen.
  • Offenheit und Interesse an Datenschutz und eine grundlegend positive Haltung, die Datenschutz als wichtigen Baustein und Partner der Sozialen Arbeit sieht – was er auch ist.
  • Geduld, Empathie und die Fähigkeit des aktiven Zuhörens, um Bedarfe wirklich zu verstehen. Oft genug dreht es sich bei Diskussionen, bei denen es beispielsweise scheinbar um Datenschutzbedenken geht, eigentlich um Abwehrverhalten und Angst vor Veränderung.

Wie der gesamte Artikel sind auch diese Aufgaben und Kompetenzen meine ersten Gedanken zur Rolle der KI-Vermittler*innen, die als Impuls und Einladung zur Diskussion gedacht sind.

Und mir ist bewusst, dass wir aktuell viel zu wenig Menschen im Sozialbereich haben, die diese Rolle wirksam ausfüllen könnten.

Denn KI-Vermittler*innen müssen sich meiner Meinung nach auch mit den mathematischen Grundlagen von KI-Modellen befassen, wie sie die geschätzte Sandra Looß auf LinkedIn immer wieder teilt, um nur einen Aspekt zu nennen. KI-Vermittler*innen müssen dabei nicht unbedingt alle Formeln durchdringen oder gar selbst berechnen können. Doch sie sollten genug von den Strukturen und Prinzipien verstehen, um beurteilen zu können, ob technische Behauptungen realistisch oder aus der Luft gegriffen sind.

Wenn wir diese Rolle ernsthaft etablieren wollen, müssen wir a) dafür passende Menschen suchen und finden, ihnen b) die nötigen Weiterbildungsangebote machen oder sie ihnen ermöglichen und c) den strukturellen Rückhalt, seitens der Führung und in Form ausreichender Ressourcen, schaffen.

Ist das realistisch? Als Berufsoptimist hoffe ich es und glaube daran – auch wenn es bis dahin noch einige Arbeit brauchen wird.

Jetzt seid ihr gefragt: Was haltet ihr von der Rolle der KI-Vermittler*innen und den hier skizzierten Gedanken?

Ich freue mich auf konstruktives Feedback – egal ob begründete Zustimmung oder begründeter Widerspruch – und den Austausch mit euch.


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