Liebe als Konzept für gesellschaftliche und politische Gestaltung zu nutzen und darüber sogar ein Buch zu schreiben, klingt im ersten Augenblick seltsam. Beim Lesen des Buches wird jedoch klar: Liebe ist genau das, was uns politisch und gesellschaftlich fehlt.
Daniel Schreiber bezieht seine Definition der Liebe von der Philosophin Martha Nussbaum* (ihre Arbeit ist definitiv einen Blick wert). Auf Seite 25 und 26 schreibt er dazu:
Die Form der Liebe, die sie meint, besteht „lediglich darin, die andere Person als vollkommen menschlich anzusehen, als ein Wesen, das auf irgendeine Weise zum Guten und zur Veränderung fähig ist.“. Was nach wenig klingt, ist bei genauerer Betrachtung genau das, was unserem politischen Miteinander seit einigen Jahren abgeht, das, was ich und viele andere Menschen in den politischen Auseinandersetzungen unserer Zeit so schmerzlich vermissen. Ohne diese Form der Liebe kann es keine Form demokratischer Zusammenarbeit geben, keine Kompromisse, kein sinnvolles Zusammenleben, keine Hoffnung.
Ich denke, wenn du mit dieser Definition von Liebe etwas anfangen kannst, wenn das Zitat oben für dich nicht nach emotionalem Gelaber klingt, sondern Substanz hat, dann wirst du etwas aus dem Buch und aus dem Rest dieses Artikels ziehen können.
Wenn das Zitat oder dessen Stil nicht für dich passen, kannst du deine Zeit meiner Meinung nach mit anderen Büchern besser verbringen und dir diesen Artikel sparen.
Und nein, das ist keine passiv-aggressive Wertung, sondern eine reine Feststellung. Bücher und Schreibstile sind Geschmacksache und damit völlig subjektiv.
Liebe als Schutz gegen Zynismus und Frustration
Das Buch „Liebe! Ein Aufruf“* kann für dich, wenn du dich gesellschaftlich und politisch engagierst und dich für andere Menschen einsetzt, ein wichtiges Werkzeug und eine Quelle für neue Motivation und Energie sein.
Daniel Schreiber beschreibt in seinem Buch das Gefühl, sich angesichts der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen innerlich immer weiter von der Welt zu entfernen.
Nicht in einem romantisch-philosophischen Sinne, sondern auf eine Art, die vielen politisch aktiven Menschen bekannt vorkommen dürfte: dem Rückzug ins Private und einen engen Kreis vertrauter Menschen.
Er beschreibt auch, unter Rückgriff unter anderem auf die Arbeit des Historikers Timothy Snyder und sein lesenswertes Buch „Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand“* dass es in den heutigen Demokratien an positiven Zukunftsbildern mangelt.
Eine Lücke, die, wie wir auch hierzulande beobachten können, leider schnell einfach von extremen und durchaus als faschistisch zu nennenden Zukunftsversprechen geschlossen wird. Die sind zwar unrealistisch und viel zu simpel, klingen dafür aber für einen signifikanten Teil der Menschen umso attraktiver.
Daniel Schreiber setzt der durch solche Entwicklungen aufkommenden Resignation, Frustration und dem nahenden Zynismus das eingangs beschriebene Konzept der Liebe entgegen.
Eine Liebe, die eigentlich einen absoluten Basiskonsens beschreibt: die Tatsache, dass Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, Menschen, die andere Haltungen und Positionen vertreten, auch Menschen sind und grundsätzlich zu Gutem fähig sind. Dass Menschenwürde als Basis für ALLE gilt und niemandem abgesprochen werden kann.
Wer den Wert dieses Konzepts der Liebe für sich verinnerlicht und zur Basis des eigenen Engagements macht, kann sich meiner Meinung nach gut gegen Frustration und Zynismus wappnen.
Bücher als Kraft- und Motivationsquelle

„Liebe! Eine Aufruf“ reiht sich für mich in die Reihe der Bücher ein, die mir in schwierigen Zeiten als Kraft- und Motivationsquelle dienen können.
Einerseits, weil ich beim Lesen merke, dass es auch andere Menschen gibt, die meine Herausforderungen kennen und meine Grundüberzeugungen teilen.
Andererseits, weil Daniel Schreiber in seinem Buch auch ganz konkrete Werkzeuge an die Hand gibt, mit denen dieses Konzept der Liebe anwend- und nutzbar wird.
Der praktische Werkzeugkasten der Liebe
Einen Teil seiner handlungsorientierten Ideen zieht Daniel Schreiber aus der Arbeit des Sozialpsychologen, Humanisten und Psychoanalytikers Erich Fromm.
Auch basierend auf Fromms Arbeit und Konzepten* formuliert Daniel Schreiber am Ende seines Buches einige Aufrufe, die aus meiner Sicht ganz praktisch und konkret handlungsleitend sein können.
Hier die für mich wichtigsten, wiedergegeben in meinen Worten und mit meinem Fokus:
- Lasst uns die realen Gefahren für unsere Demokratien benennen und nicht einfach hinnehmen. Machen wir uns bewusst, dass die Demokratie historisch betrachtet noch jung und ihr Fortbestand keineswegs gesichert ist.
- Machen wir uns klar, dass Schweigen und passives Verharren angesichts der aktuellen Entwicklungen und zunehmender Entmenschlichung von Bevölkerungsgruppen keine Option sind, wenn wir dem Konzept der Liebe folgen.
- Lasst uns tun, was wir in unserer Umgebung können, um Menschlichkeit hochzuhalten und uns für eine positive Veränderung einzusetzen. Es müssen nicht die großen und riskanten Handlungen sein. Doch große Veränderungen beginnen mit kleinen Schritten, die jede und jeder tun kann.
- Lasst uns Sprache bewusst nutzen, auf die Verrohung und auf den bewussten Missbrauch hinweisen. Nehmen wir es nicht hin, wenn Begriffe umgedeutet oder normalisiert werden? Benennen wir klar, wenn Sprache missbraucht wird, und stellen wir uns mit bewusster Nutzung dagegen.
- Lasst uns Gemeinschaften schaffen, mit Menschen gemeinsam aktiv werden und dabei auch die Stärke der Zivilgesellschaft nutzen, um extreme und entmenschlichende Entwicklungen zu stoppen. Lasst uns Teil der positiven Veränderung sein, die wir selbst sehen wollen.
Daniel Schreiber hat noch zahlreiche weitere, aus meiner Sicht allesamt wichtige, Aspekte, die er anspricht. Die beiden für mich entscheidenden Sätze schreibt er auf Seite 130, kurz vor dem Ende des inhaltlichen Teils des Buches:
Ich möchte dazu aufrufen, sich von dem Reflex zu verabschieden, aus politischen Gegnerinnen und Gegnern Feinde zu machen. Dazu, die Hand auszustrecken und auf dem Gebieten zu kooperieren, auf denen man sich trifft, selbst wenn man auf anderen Gebieten völlig unterschiedlicher Meinung ist.
Diese Haltung, immer davon ausgehend, dass alle Beteiligten die grundsätzliche Menschenwürde aller anderen anerkennen, ist für mich das Resultat des konsequent gelebten Konzepts der Liebe.
Und da der Artikel fast zu Ende ist, riskiere ich es, mit meinem letzten Kommentar ein wenig zu irritieren.
Denn das von Daniel Schreiber wunderbar beschriebene Konzept der Liebe – ich empfehle das Buch hier nochmal ausdrücklich – erinnert mich an einen Satz, den ich seit meiner Kindheit kenne:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Klingt simpel, oder?
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P.S.: Normalerweise verfasse ich meine Artikel hier in der Plural-Ansprache „euch“. Für diese Buchrezension fühlte sich die direkte Ansprache jedoch passender an. Lass mich gerne wissen, wenn du dir das Buch holst oder wenn du es bereits gelesen hast. Mich interessiert sehr, was du davon hältst.


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