Mastodon und das Fediverse: Ein Plädoyer für die Rückkehr zu echten Social Media

Zwei Smartphones auf einem Tisch zeigen die Mastodon-App, daneben Sprechblasen mit dem Mastodon-Logo und dem Text „Echtes Social Media?“.

Wäre es nicht toll, wenn Social Media wieder ein Ort wäre, an dem Menschen mit Menschen sprechen? Wenn wir Algorithmen loswerden und uns wieder ganz auf die Beziehungen und die Kommunikation zwischen Menschen konzentrieren könnten? Wenn eure Antwort „ja“ ist oder ihr zustimmend genickt habt, habe ich gute Neuigkeiten für euch: Diesen digitalen Ort gibt es. Der anspruchsvollere Teil der Nachricht: Wir müssen ihn mehr nutzen.

Schon in meinem Manifest für 20206 habe ich geschrieben, dass Mastodon aktuell mein meist genutztes Netzwerk ist und ich, wenn LinkedIn und Instagram, trotz aller Probleme, nicht so nützlich wären, ich am liebst nur auf Mastodon aktiv wäre.

Mastodon gehört zum sogenannten Fediverse. Dabei handelt es sich, ohne zu technisch zu werden, um ein dezentrales Netzwerk zahlreicher Dienste, die größtenteils bekannten Social-Media-Plattformen ähneln.

Mastodon ist das vielleicht bekannteste Netzwerk, aber es ist bei weitem nicht das einzige, das auf dem Fediverse aufsetzt. Auch die YouTube-Alternative Peertube gehört, zusammen mit vielen anderen Diensten, zum Fediverse Ökosystem.

Eine vollständige Übersicht und deine technische Erklärung findet ihr auf joinfediverse.

Screenshot eines Mastodon-Profils mit Profilbild, Kurzbeschreibung und Navigationsspalte der Plattformoberfläche.
Beispiel für die Profilansicht eines Mastodon-Accounts mit Informationen und Beitragsnavigation.

Dezentral, algorithmusfrei und menschenfreundlich

Das Fediverse und konkret Mastodon, zeichnen sich für mich durch drei Aspekte aus:

  1. Dezentral und damit nicht von einer Person oder Organisation kontrolliert.
  2. Ohne algorithmische Sortierung und damit tatsächlich auf Netzwerkarbeit und Austausch fokussiert.
  3. Wenig bis keine Mechanismen, die mich möglichst lange auf der Plattform halten wollen.

Mastodon ist daher für mich eine menschenfreundliche Social-Media-Plattform. Oder anders formuliert: Mastodon ist Social Media, wie es mal gedacht war. Ein digitaler Raum, in dem Menschen sich mit Menschen basierend auf Interessen verbinden und austauschen können.

Mir ist klar, dass ich dadurch alt und nostalgisch klinge, doch meine Begeisterung für Mastodon hat auch fachliche und strategische Gründe.

Qualitative Reichweite, echtes Netzwerk und wertvolles Feedback

Der Hauptkritikpunkt aller professionellen Kommunikatorinnen und Kommunikatoren, denen ich Mastodon und das Fediverse nahelege, ist die scheinbar fehlende Reichweite.

Richten wir den Blick nur auf die absoluten Zahlen, ist diese Kritik berechtigt. Weder die Zahlen der aktiv Nutzenden – Schätzungen liegen zwischen 1,5 und 4 Millionen Konten in Deutschland, von denen vermutlich weniger als eine Million wirklich aktiv sind – noch die Zahl der mit Beiträgen erreichten Nutzerinnen und Nutzer können mit Instagram, TikTok, LinkedIn oder anderen Kanälen mithalten.

Doch wer mich kennt, weiß, dass mein Fokus auf qualitativer Reichweite, substanzieller Interaktion und Community liegt – und da sieht es auf Mastodon viel besser aus.

Klar, ich erreiche hier weniger Menschen, doch die interessieren sich dafür wirklich für meine Inhalte. Wenn hier Antworten und Kommentare kommen, sind das keine Herz-Emojis oder „Awesome Post“ Bot-Kommentare, sondern inhaltlich relevante Fragen und Rückmeldungen.

Wer sich für den Aufbau einer wirksamen und tragfähigen Community interessiert, sollte sich Mastodon unbedingt eine Zeit lang anschauen.

Aktiv ist hier aktiv allerdings das operative Wort. Da es keinen Algorithmus gibt, lässt sich Reichweite nicht durch Tricks und Hacks erreichen, sondern nur durch gute und relevante Inhalte.

Hashtags spielen auf Mastodon übrigens nach wie vor eine viel größere Rolle als auf anderen Kanälen. Nicht für die Reichweite als Signal für einen nicht-existenten Algorithmus, sondern als Suchfaktoren, mit denen Menschen Inhalte zu den für sie relevanten Themen finden oder ihren Interessen folgen.

Strategisch halte ich Mastodon und generell das Fediverse übrigens für wichtig, um neben der eigenen Website mindestens einen öffentlichen Kommunikationskanal zu haben, der nicht von US-Unternehmen abhängt. Bei den aktuellen Entwicklungen ist ein solches Back-up aus meiner Sicht eine reale Notwendigkeit und keine rein theoretische Option.

Außerdem, ein Aspekt, der gerne vergessen wird, halte ich es für unsere Aufgabe als soziale und zivilgesellschaftliche Organisationen, Informationen auch auf Kanälen anzubieten, bei denen Nutzer*innen nicht mit ihren Daten zahlen. Soll ja Menschen geben, die das nicht ganz so toll finden.

Wo Menschen miteinander zu schaffen haben, machen sie sich auch zu schaffen

Auch wenn ich ein großer Fan von Mastodon bin, sind weder die Plattform noch die Community dort perfekt. Die dezentrale Natur des Fediverse und von Mastodon ist zwar technisch eine große Stärke, verliert jedoch in dem Augenblick an Bedeutung, in dem die Mehrheit der Nutzer*innen sich auf der Standard-Instanz anmeldet.

Wenn ihr neu ins Fediverse und Mastodon einsteigt, schaut euch gerne mal die Einstiegsanleitung von Sascha Pallenberg. Er erklärt darin auch gut, wie ihr die für euch passende Instanz findet und was das eigentlich ist.

Der nächste Absatz wird manchen aktiven Mastodon-Nutzer*innen sicher nicht gefallen: Auch die Community, also die Menschen auf der Plattform, ist nicht perfekt.

Barrierefreiheit ist für mich und viele andere Menschen beispielsweise ein wichtiges Thema und Mastodon bietet bei Bildern die Möglichkeit, einen Alternativtext zu hinterlegen, damit Screenreader den Bildinhalt vorlesen können.

Natürlich wünsche ich mir, und versuche das auch selbst so zu handhaben, dass wir alle bei allen Bildbeiträgen an den Alternativtext denken. Wird er jedoch mal vergessen, wären freundlich-konstruktive Hinweise hilfreich. Stattdessen erlebe ich, dass Nutzerinnen und Nutzer auf Mastodon teilweise heftig angegangen werden, wenn sie den Alt-Text vergessen. Passiert das neuen Nutzer*innen, ist es wenig überraschend, wenn sie Mastodon und dem Fediverse recht schnell den Rücken kehren.

Ein anderes Beispiel sind Organisationen, die nach einiger Zeit der – oft sehr überschaubaren Nutzung – ihr Mastodon-Konto stilllegen und das ankündigen. Oft begründet mit der fehlenden Reichweite.

Zwar war die Kommunikation vieler Organisationen, die diesen Schritt gehen, sehr dünn und hätte deutlich besser sein können, die Interaktion der Fediverse-Community mit diesen Konten hielt sich bis zur Ankündigung des Rückzugs jedoch meist auch in Grenzen.

Erst die Beiträge, die den Ausstieg aus Mastodon ankündigen, bekommen dann zahlreiche Antworten. Dann heißt es: „Seht ihr, hier ist viel los, ihr solltet echt nicht gehen.“

Da ist zwar was dran, aber dann sollte sich die Fediverse-Community auch selbst fragen: War hier bis zu diesem Post wirklich viel los? Hat die Organisation merken können, dass sie Menschen erreicht und ihre Inhalte resonieren? Oft ist die Antwort nicht sehr positiv für die Fediverse Community.

Lasst uns gemeinsam menschenfreundliche Plattformen nutzen

Ihr seht, ich bin ein großer Fan von Mastodon und halte es, gerade für Organisationen der Zivilgesellschaft und Wohlfahrt, für ein Netzwerk, das unbedingt aktiv genutzt werden sollte.

Der Wunsch nach aktiver Nutzung geht allerdings auch an die bestehende Mastodon-Community. Es reicht nicht, sich nur bei Ausstiegsbeiträgen zu Wort zu melden. Wenn wir wollen, dass mehr Organisationen dauerhaft auf der Plattform aktiv sind, müssen wir ihnen durch Interaktion auch zeigen, dass sich das lohnt.

Wer sich gute Mastodon- und generell Fediverse-Präsenzen anschauen will, schaut gerne mal bei den Kolleginnen und Kollegen von bonn.digial vorbei. Die machen da einen wirklich guten Job.

Sehen wir uns demnächst auf Mastodon?

P.S.: In meinem nächsten Kommunikationsgedanken-Newsletter am kommenden Freitag (20.03.2026) sammle ich einige Argumente für Social-Media-Managerinnen, mit denen sie den Einstieg in Mastodon und das Fediverse argumentieren können. Und ich teile einige Erfahrungen aus meiner Kommunikation für den Caritasverband für das Erzbistum Paderborn auf Mastodon (unbezahlte Werbung, wir freuen uns über neue Kontakte 😉).

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