KI in der Wohlfahrt: 3 Erkenntnisse aus dem Caritas Kongress, über die wir JETZT reden müssen

Ein Notizbuch mit der Aufschrift 'KI in der Wohlfahrt – 3 Erkenntnisse aus dem Caritas Kongress 2026' liegt auf einem Holztisch neben einem Laptop und einer Tasse Kaffee.

„Vertrauen, Verbindlichkeit und das digitale Rückgrat der Caritas“ – Mit diesen Worten überschreibt Gerhard Müller seinen Rückblick auf den Caritas-Kongress 2026. Weil ich selbst nicht anwesend war, habe ich mir in den letzten Tagen viel Zeit für Gespräche und Recherche zum Kongress genommen. Gerhards Rückblick war und ist dabei für mich mein roter Faden.

Für mich ergeben sich aus den Impulsen des Caritas Kongresses drei Lehren, die wir in Sachen KI unbedingt heute umsetzen sollten. Die Zeit für „wir müssten mal“ ist definitiv vorbei.

Gerhard beschreibt in seinem Rückblick auf die Session zur Generationengerechtigkeit mit Prof. Marcel Fratzscher. Eine Anekdote – die ich danach mit anderen Teilnehmenden der Session ebenfalls besprochen habe – zeigt für mich ein Kernprinzip.

Gerhard beschreibt den Austausch zwischen Prof. Fratzscher und einer jungen Teilnehmerin so:

Eine junge Teilnehmerin aus der „Generation Praktikum“ hielt charmant dagegen: Die „Boomer“ besetzten die guten Stellen, „Rente mit 70″ blockiere Schlüsselpositionen – besser früher gehen und etwas Neues beginnen. Fratzscher widersprach mit Zahlen: In den nächsten zehn Jahren gingen netto rund fünf Millionen mehr Erwerbstätige in Rente, als junge Menschen nachrückten; schon heute seien über eine Million Stellen offen. Die Älteren nähmen den Jungen keine Jobs weg – im Gegenteil, sie im Arbeitsmarkt und als Mentorinnen und Mentoren zu halten, nütze gerade der jungen Generation.

Rein von den Zahlen her klingt das logisch und sinnvoll. Und dennoch greift die Antwort zu kurz und geht am eigentlichen Kern der Frage aus meiner Sicht vorbei.

Denn die Kollegin hat einen wunden Punkt getroffen: Ja, viele Jobs werden frei. Doch erfahrene Kolleginnen und Kollegen werden Führungspositionen, Leitungsposten und Machtpositionen nicht einfach räumen. Wenn sie bereit sind, ihre Erfahrung als Mentorinnen und Mentoren zu teilen, können sie die nächste Generation wunderbar unterstützen.

Das wichtige Wort hier ist „wenn“.

Denn damit Prof. Fratzschers Zukunftsvorstellung Realität wird, ist die Bereitschaft der erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, Verantwortung abzugeben, Macht zu teilen und Türen zu öffnen, unverzichtbar. Und diese Haltung können wir nicht einfach voraussetzen, die müssen wir gemeinsam erarbeiten und verankern.

Erkenntnis 1: KI braucht wertebasierte Leitlinien – und die einen ehrlichen Diskurs

Genau dieses Prinzip sehe ich auch im Kern unseres Umgangs mit KI. Wir sprechen oft darüber, dass der KI-Einsatz mit „der richtigen Haltung“ kein Problem ist, sondern Nutzen bringt. Doch dabei gehen wir, damit meine ich alle in der Wohlfahrt beteiligten Akteurinnen und Akteure, die sich mit dem Thema befassen, oft einfach davon aus, dass die Haltung für alle klar ist.

Bei genauer Nachfrage zeigt sich dann: Das ist sie ganz und gar nicht. Deshalb brauchen wir a) einen ehrlichen und offenen Diskurs darüber, welche Werte, und ethischen und fachlichen Grundsätze wir als Basis unserer KI-Nutzung anlegen, und b) dann auch gemeinsame klare Leitlinien.

Und nein, ein Dokument reicht da nicht aus, davon haben wir schon einige. Doch wer kann mit Überzeugung sagen, dass die Inhalte der schönen KI-Leitlinien auch erkannt, verinnerlicht und verstanden sind, vor allem die Wertebasis?

Wenn ja, schreibt mir gerne. Dann sollten wir uns austauschen, wie ihr das hinbekommen habt. Es ist nämlich wirklich selten.

Erkenntnis 2: KI bringt neue Macht – verteilen wir sie fair

Gerhard schreibt in seinem Rückblick auch, dass IT und digitale Infrastruktur längst das „Nervensystem jeder Organisation“ sind. Eine Aussage, der ich völlig zustimme. Ohne funktionierende Systeme, Werkzeuge und Prozesse stockt die Arbeit – oder sie wird unmöglich.

Auch die wachsende Bedrohungslage und die Chancen, die Gerhard durch KI für die Wohlfahrt sieht, unterschreibe ich. Doch aktuell konzentriert sich das Wissen zu diesen Themen – und damit auch die dadurch entstehende Macht – bei wenigen Spezialistinnen und Spezialisten.

Was die Technik angeht, ist das erwartbar und fast schon normal. Doch was ist mit den Fähigkeiten, die Systeme wirklich zu nutzen? Wie entwickeln wir die Kompetenz auf Führungsebene, um das – von mir ebenfalls unterschriebene – Plädoyer zur Kooperation von Gerhard mit Leben zu füllen?

Aus meiner Sicht müssen wir uns darum mindestens genauso aktiv kümmern wie um die Technik. Klar, das ist ein Henne-Ei-Problem – ohne bezahlbare Technik kein Bedarf an Fähigkeiten, ohne Fähigkeiten keine Nutzung der Technik – aber die Herausforderung ist nicht neu, sondern immer schon Teil digitaler Veränderung.

Wichtig ist für mich: Wir müssen auch die mit KI verbundenen Machtstrukturen und -fragen klar benennen und Machtkonzentrationen vermeiden. Sonst gibt es keine Akzeptanz und wir lassen das Potenzial ungenutzt.

Erkenntnis 3: Wir haben die Haltungsfrage zu KI nicht ernsthaft geführt – das müssen wir jetzt tun!

Maja Göpel hat es am Ende des Kongresses auf den Punkt gebracht: Wir müssen unsere Haltungsfragen rechtzeitig führen – und von Anfang an integrieren. Denn KI wirft mehr Fragen auf – oder macht sie zumindest sichtbar – als viele andere Technologien.

Die Chancen und das Potenzial sind enorm, doch dem gegenüber stehen Aspekte, über die wir viel zu wenig sprechen.

Der massive Ressourcenverbrauch von KI-Systemen ist beispielsweise kein abstraktes Problem. Im globalen Süden spüren Menschen die Auswirkungen schon heute schmerzhaft und teilweise lebensbedrohend.

KI treibt nicht nur technologischen Fortschritt voran, sondern auch Raubbau an Ressourcen und moderne Formen der Ausbeutung. Können wir das verantworten? Brauchen wir wirklich immer das Neueste und die besten Frontier-Modelle?

Statt blind den Entwicklungen hinterherzulaufen und beispielsweise US-Infrastruktur als unverzichtbar zu deklarieren, weil nur dort die neusten Modelle laufen, sollten wir fragen: Was brauchen wir wirklich? Macht es Sinn, uns unabhängiger von den großen Tech-Konzernen zu machen? Sollten wir in eigene, nachhaltige Infrastrukturen investieren?

Gerhard fasst Maja Göpels Vortrag folgendermaßen zusammen:

Zugespitzt sagte sie sinngemäß: ‚Zeig mir den sozialen und ökologischen Mehrwert hinter deiner Lösung, und ich bin Fan – wenn du den nicht benennen kannst, mach deine Hausaufgaben und komm zurück.‘ Für jede KI- und Digitalisierungsentscheidung, die wir in der Caritas treffen, ist das ein guter Prüfstein.

Und dann sind da noch die Fragen und Ängste der Menschen, die in der Wohlfahrt arbeiten. Die Sorge, dass KI Jobs ersetzt oder Funktionen übernimmt, die eigentlich menschliche Verantwortung tragen, ist real.

Wir können sie nicht einfach abtun mit „Das passiert bei uns nicht.“ Überzeugend wird es erst, wenn wir klar Position beziehen:

  • Hier setzen wir keine KI ein, weil…
  • Hier bleiben Menschen entscheidend, weil…
  • Das sind unsere ethischen, fachlichen und moralischen Regeln für KI.

Der Moment zum Handeln ist jetzt

Die IT war schon immer ein Querschnittsthema, doch durch KI wird dies noch viel deutlicher. Es geht nicht mehr darum, ob sich „die IT” oder „die Fachabteilungen” zuständig fühlen. Wir alle müssen Verantwortung übernehmen.

Wir stehen an einem Punkt, an dem wir KI wirklich verantwortungsvoll gestalten können. Nicht als passiv Beobachtende, sondern als aktiv Gestaltende mit unserer sozialen Stimme, unseren Werten, unserer Erfahrung.

Das bedeutet auch:

  • Verbandsinterne Politik zurückstellen – manchmal müssen wir Kompromisse eingehen, auch wenn der eigene Verband nicht sofort profitiert.
  • Zusammenarbeit vor Eigeninteresse – nur gemeinsam können wir die notwendige Infrastruktur und Expertise aufbauen.

Unsere Stimme in der KI-Regulierung erheben – aktuell ist sie noch zu leise. Dabei haben wir so viel zu sagen!

Gerhards Impuls (danke nochmal für die wunderbare Vorlage) und der Caritas Kongress waren und sind eine sehr gute Basis. Jetzt geht es darum, die Worte und Erkenntnisse mit Leben zu füllen und umzusetzen.

Mit konkreten Schritten dafür befasse ich mich in meinem nächsten Newsletter „Digital braucht Sozial“. Das Abo findest du hier, die Ausgabe wird natürlich auch nach der Veröffentlichung online lesbar sein.

P.S.: Gerhards Gedanken und die Impulse des Caritas Kongress in Sachen Lobbyarbeit und Politik, mit Fokus auf menschenfreundlicher Digitalpolitik und KI-Regulierung, bearbeite ich noch für mich. Angesichts der aktuellen Gesetzgebung in Deutschland und auf EU-Ebene wird die soziale, fachlich fundierte Stimme bei diesen Themen immer wichtiger.

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