Demonstrationen allein reichen nicht! Warum Soziale Arbeit Lobbyarbeit aktiv mitgestalten muss

Goldene Papierfiguren, die sich an den Händen halten, symbolisieren Zusammenhalt. Im Hintergrund ein blauer Verlauf. Text: 'Soziale Arbeit muss Lobbyarbeit aktiv mitgestalten'.

Ein Hinweis vorweg: In diesem Artikel geht es um die Bedeutung von Lobbyarbeit für die Soziale Arbeit. Ich fokussiere mich auf drei Aspekte:

  1. Warum Lobbyarbeit gerade von Fachkräften und Studierenden der Sozialen Arbeit oft missverstanden wird.
  2. Warum Lobbyarbeit für die Soziale Arbeit so wichtig ist und wir unbedingt mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter für diese Arbeit brauchen.
  3. Welche Ambiguitäts- und Frustrationstoleranz Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter brauchen, wenn sie in die Lobbyarbeit arbeiten.

Das hier wird keine Anleitung für den Einstieg in die Lobbyarbeit und auch kein detaillierter Blick hinter die Kulissen. Einige meiner Erfahrungen teile ich zwar, aber das ist nicht der Fokus dieses Artikels. Hier geht es mir um das Warum.

Warum du, ja, genau du als Fachkraft, Student oder Studentin der Sozialen Arbeit dich der Lobbyarbeit widmen solltest – wenn dir diese Arbeit liegt.

Spoiler: Das Warum hat viel mit dem Dienst an den Menschen zu tun, für die wir in die Soziale Arbeit gegangen sind oder gehen.

Demonstrationen alleine reichen nicht, um Politik zu verändern

Der Instinkt vieler im Sozialen Bereich engagierter und arbeitender Menschen ist, auf die Straße und zu Demonstrationen zu gehen. Damit mich niemand falsch versteht: Ich finde friedliche Demonstrationen gut und wichtig, war selbst bei einigen und habe beispielsweise die Demonstrationen der Wohlfahrt in Düsseldorf 2024 zusammen mit Kolleginnen und Kollegen für die Caritas in NRW begleitet und dazu kommuniziert.

Demonstrationen sind aus meiner Sicht vor allem unter drei Aspekten wichtig:

  1. Sie machen Meinungen, Positionen und wichtige Themen laut und öffentlich sichtbar und können so die mediale und gesellschaftliche Diskussion beeinflussen.
  2. Sie zeigen engagierten Menschen, dass sie nicht alleine sind. Alleine diese Wirkung kann unglaublich wichtig sein und Motivation aufrechterhalten. Außerdem können Demonstrationen auch ein Gegengewicht zu leider immer stärker werdender Unausgewogenheit medialer Berichterstattung bilden.
  3. Sie können Politikerinnen und Politikern zeigen, dass gestellte Forderungen keine Einzelmeinung darstellen, sondern dass viele Menschen hinter Forderungen stehen.

All diese Aspekte, von der aktiven Nutzung des Demonstrationsrechtes bis zur Mitwirkung im demokratischen Meinungsprozess, sind wichtig und wertvoll. Und doch reichen Demonstrationen nicht aus, um die Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit – und damit die politischen Entscheidungen – zu beeinflussen.

Dafür ist auch aktive Lobbyarbeit nötig. Was wichtiger ist, Demonstrationen oder Lobbyarbeit, ist eine müßige und fehlgeleitete Diskussion. Es sind schlicht unterschiedliche Werkzeuge.

Missverständnisse rund um die Lobbyarbeit

Wenn ich bei Veranstaltungen oder in Gruppen mit Fachkräften der Sozialen Arbeit sage, dass ich auch Lobbyarbeit unterstütze, werde ich häufig belächelt. Nicht selten hat das Lächeln eine mitleidige Note, denn tatsächlich ist Lobbyarbeit für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter teilweise fast anrüchig.

Begriffe wie „Gemauschel“, „anbiedern“, „Hinterzimmerabsprachen“ oder „Systemstützer“ gehören noch zu den freundlichen Begriffen, die ich – und andere Kolleginnen und Kollegen, die sich für Lobbyarbeit einsetzen – zu hören bekommen.

Merkt euch gerne einen oder mehrere dieser Begriffe, ich komme später nochmal auf sie zu sprechen.

Doch zuerst: Was ist eigentlich Lobbyarbeit?

Die Bundeszentrale für politische Bildung erklärt sowohl die Herkunft des Begriffs als auch die heutige Bedeutung:

Das englische Wort „Lobby“ bezeichnete ursprünglich den Vorraum oder die Eingangshalle des englischen Parlamentsgebäudes. Dort unterhielten sich die Abgeordneten mit Personen, die keine gewählten Abgeordneten waren und daher nicht in den Sitzungssaal durften. Heute bezeichnet der Begriff „Lobby“ eine Interessenvertretung in der Politik. Diejenigen, die für eine Lobby arbeiten, nennt man „Lobbyisten“.

Im weitergehenden Text werden dann Beispiele aus Wirtschaft und Sport angeführt, Wohlfahrt und Soziale Arbeit sind bezeichnenderweise nicht dabei.

Für unsere Praxis bedeutet die Definition einfach nur eines: Lobbyarbeit ist Interessenvertretung in Richtung Politik. Sozialpolitische Lobbyarbeit gibt den Anliegen und Bedarfen der Menschen eine Stimme, für die wir in der Sozialen Arbeit eintreten, die wir unterstützen und begleiten. Und natürlich spielen dabei auch die Bedarfe der Organisationen und Verbände aus Wohlfahrt und Sozialer Arbeit eine Rolle.

Nichts davon hat mit Hinterzimmer, Mauschelei oder ähnlichem zu tun. Lobbyarbeit für soziale Themen ist aus meiner Sicht eine Kernaufgabe der Sozialen Arbeit. Denn häufig haben nur Fachkräfte der Sozialen Arbeit die nötige Expertise, um komplexe soziale Themen fachlich einzuordnen und Politikerinnen und Politiker inhaltlich fundiert zu beraten. Auch wenn Lobbyisten, die von Wirtschaftsorganisationen bezahlt werden, das natürlich anders sehen.

Der schlechte Ruf der Lobbyarbeit in der Sozialen Arbeit kommt meiner Meinung nach daher, dass …

  • … politische Vorgänge oft nicht verständlich sind.
  • … die Arbeit im politischen System scheinbar weit von den Adressatinnen und Adressaten der Sozialen Arbeit entfernt ist.
  • … in Studien- und Ausbildungsgängen im Sozialen Bereich Lobbyarbeit meist nur gestreift wird.
  • … die meisten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter nur wenig bis keinen direkten Kontakt mit dem politischen Betrieb haben.

Warum wir dringend mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in der Lobbyarbeit brauchen

Ich bin nicht der größte Fan von Zahlen, doch im Fall der Lobbyarbeit zeigen sie die aktuelle Schieflage leider sehr gut. LobbyControl beobachtet die Ausgaben für Lobbyismus basierend auf dem Lobbyregister. Schon 2025 hatten sie die Übermacht der Wirtschaftslobby angemahnt. 2026 schreibt LobbyControl:

Zu den 100 größten Lobbyakteuren zählen nur sieben gemeinwohlorientierte Organisationen, aber 84 Akteure mit Wirtschaftsinteressen. Von diesen Akteuren gibt die Wirtschaftslobby mehr als 7-mal so viel aus wie gemeinwohlorientierte NGOs. Damit hat sich das Machtungleichgewicht zwischen wenigen NGOs und einer finanzstarken Wirtschaftslobby weiter verschärft.

Von den sieben genannten NGOs sind übrigens nur zwei aus dem Wohlfahrts- und Sozialbereich. LobbyControl schlüsselt das im Text auf:

Nur sieben Akteure zählen im weiteren Sinne als Nichtregierungsorganisationen, die gemeinwohlorientierte Ziele verfolgen. Dazu zählen der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), Campact, der Verbraucherschutzverband ADAC, der katholische Wohlfahrtsverband Caritas, das Deutsche Rote Kreuz, der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sowie Greenpeace.

Die Grafik unten macht das Missverhältnis noch greifbarer.

Donut-Diagramm: Verteilung der 100 Lobbyakteure mit den größten Lobbybudgets in Deutschland. 84 % entfallen auf die Wirtschaft, 9 % auf Sonstige (z. B. Think Tanks, Stiftungen, Wissenschaft, Kammern, Behörden) und 7 % auf NGOs (z. B. Hilfsorganisationen, Wohlfahrtsverbände, Umwelt- und Verbraucherverbände). Titel: 'Übermacht der Wirtschaftslobby'.
Verteilung der Lobbybudgets in Deutschland (Stand Februar 2026), Quelle: Bundestag, Lobbyausgaben 2024, Stand Februar 2026, eigene Zuordnung

Wenn sich Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter über systematische Barrieren, Benachteiligung und viele andere strukturelle Probleme beklagen – und das zurecht –, dann sind viele davon den politischen Entscheidungen und Prioritäten zu verdanken.

Daher ist Lobbyarbeit ein Kernthema der Sozialen Arbeit. Und ich schreibe dieses Mal bewusst nicht „sozialpolitische“ Lobbyarbeit, denn Soziale Arbeit ist eine Querschnittsprofession und muss, gerade bei politischen Entscheidungen, in allen Bereichen beteiligt sein.

Dass wir als Fachkräfte und Organisationen der Sozialen Arbeit uns bei Fragen des Sozialsystems einbringen müssen, leuchtet den meisten ein.

Dich wir müssen auch bei KI-Regulierung, Fragen der Bargeldnutzung, der Digitalisierung von Dienstleistungen von Behörden und vielen Bereichen mehr unsere Stimme nutzen, um auf soziale Auswirkungen und Konsequenzen aufmerksam zu machen.

Lobbyarbeit im Sinne der Sozialen Arbeit und der von ihr unterstützten Menschen ist unverzichtbar – und aktuell leider viel zu schwach. Das hat mit Finanzen zu tun, sicher, aber eben auch damit, dass wir nicht genug Menschen haben, die die Kompetenzen, Fähigkeiten und Erfahrungen von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in politische Hintergrundgespräche einbringen, Positionen ausarbeiten und Perspektiven vermitteln können.

Davon brauchen wir viel mehr.

Welche Fähigkeiten Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter für die Lobbyarbeit brauchen

Klar, Kenntnisse des politischen Systems, von Entscheidungsprozessen, den Abläufen in politischen Institutionen und ähnliche Informationen sind wichtig. Die meisten davon lassen sich, Interesse vorausgesetzt, inzwischen eigenständig recherchieren.

Einblicke in die konkrete Arbeit politischer Institutionen können Tage der offenen Tür, Gespräche mit politisch aktiven Kolleginnen und Kollegen oder Praktika und Ähnliches bieten.

Diese Fähigkeiten und Kenntnisse ergänzen jedoch nur die bereits hervorragende Basis, die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter durch ihre Ausbildung oder ihr Studium – und idealerweise ihre Praxis – haben. Beziehungsgeflechte zwischen Menschen, Dynamiken von Gruppen und Systemen, psychologische Grundkenntnisse – all das bringen Fachkräfte der Sozialen Arbeit mehr als genug mit.

Doch neben dem Fachwissen gibt es noch eine andere Ebene, die für Lobbyarbeit unverzichtbar ist: persönliche Fähigkeiten und Resistenz.

Erinnert ihr euch noch an die freundlichen Begriffe – „Gemauschel“, „anbiedern“, „Hinterzimmerabsprachen“ oder „Systemstützer“ – vom Anfang des Textes?

Sie zeigen vor allem eines: Wer sich als Sozialarbeiter und Sozialarbeiterin in der Lobbyarbeit engagiert, muss einiges abkönnen. Hier die aus meiner Erfahrung wichtigsten Aspekte, die du vor dem Einstieg in die Lobbyarbeit kennen solltest:

  • Die eigene professionelle Peer-Group bringt häufig wenig Verständnis für den gewählten Fokus und die Arbeit auf.
  • Die Arbeit kann kleinteilig und mühsam sein. Manche Prozesse ziehen sich über Wochen, Monate oder gar Jahre hin. Das ist einer der Gründe für meinen Lieblings-Hashtag: #LangerAtem
  • Erfolge sind für Außenstehende nicht immer sofort sicht- oder spürbar. Manchmal besteht ein Erfolg auch nur darin, schlimmere Kürzungen verhindert zu haben. Nicht gerade der Stoff, aus dem Schlagzeilen sind.
  • Du wirst mit Menschen arbeiten, die Soziale Arbeit öffentlich als überflüssig und unwichtig bezeichnen. Vielleicht sitzt du mit Politikerinnen und Politikern in Besprechungen, die gerade dabei sind, die Mittel für wichtige Angebote der Sozialen Arbeit zu streichen.

Doch der wichtigste Aspekt ist ein anderer: Ambiguitätstoleranz. Die Fähigkeit, Spannung und sich widersprechende Entwicklungen und Unsicherheiten auszuhalten.

Klar, das ist eine Grundfähigkeit von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Dass wir Menschen individuell unterstützen und uns gleichzeitig der systematischen und strukturellen Benachteiligungen bewusst sind, ist ein Dauerzustand.

Dass wir ganz aktuell damit beginnen, die Vorteile generativer KI zu nutzen, um unsere Unterstützung und Dienste zu unterstützen, obwohl die Technologie – ähnlich wie die kommerziellen Social-Media-Plattformen – massive ethische Probleme mitbringt und Fragen aufwirft, ist nur eines von vielen Spannungsfeldern.

Eine ganz grundsätzliche Spannung: Sozialer Arbeit wird immer wieder vorgeworfen, systemstabilisierend und -erhaltend zu wirken, während sie gleichzeitig das System kritisiert. Bei Lobbyarbeit verschärft sich dieser Aspekt deutlich.

Während wir uns in der Lobbyarbeit für politische Veränderungen einsetzen, wirken wir an genau dem politischen System mit, das die Probleme, Barrieren und Ungerechtigkeit erst ermöglicht. Während wir Verbesserungen bei Gesetzen erwirken und Kürzungen abmildern, bedienen wir uns genau der Mechanismen, Methoden und Werkzeuge, die wir bei anderen Lobbyisten und Lobbyistinnen kritisieren.

Diese Spannung musst du aushalten, wenn du dich für Lobbyarbeit entscheidest. Resilienz, Frustrationstoleranz und Stressmanagement sind unverzichtbare Fähigkeiten für die Arbeit in diesem Bereich. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter können und müssen hier das Konzept der professionellen Distanz – und ihre Methoden und Werkzeuge dafür – anwenden.

Lohnt sich Lobbyarbeit trotz allem?

Ganz eindeutig ja!

Wir müssen als Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter auch die Rahmenbedingungen gestalten. Wir müssen Stimme für die Menschen sein, die selbst politisch nicht gehört werden. Wir müssen uns für die Menschen und eine bessere Gesellschaft einsetzen.

Wer außer uns wird diese Perspektiven denn politisch vertreten? Wer wird in Besprechungen auf soziale Auswirkungen hinweisen, wenn die betroffenen Menschen für Wahlergebnisse nicht relevant sind?

Okay, die letzte Frage ist ein wenig überspitzt, aber ich verstehe, denke ich, was ich meine.

Lasst uns alle gemeinsam an der Veränderung arbeiten. Manche auf Demos, manche in den Einrichtungen und Diensten der Sozialen Arbeit und andere in der Lobbyarbeit für das Gute.


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