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25.10.2020 Kommunikation Von: Christian Müller 0 Kommentare

The Social Dilemma: Ein wahrer Kern mit zu viel Drama und falschem Fokus #Kommentar

Die Netflix- Doku "The Social Dilemma" macht auf reale Probleme mit Social Media aufmerksam. Dabei verfehlt sie aber das eigentliche Problem.
vehicle beside wall with graffiti

Social Media zerstören unsere Gesellschaft, die Demokratie und die psychische Gesundheit der Menschheit. Wenn wir nicht jetzt gegensteuern, wird von unserer Zivilisation in einigen Jahren nicht mehr viel übrigbleiben. Aber noch können wir etwas tun.

Das ist die, nicht überspitzte, Botschaft der Netflix-Doku “The Social Dilemma”. Vorweg sei gesagt: Das in der Doku beschriebene Problem ist real, Social Media haben negative Auswirkungen, werden für Propaganda, Wahlbeeinflussung, Hass schüren und viel mehr missbraucht. Diese Probleme will ich nicht klein reden. Und sie sollten für alle, die in der Branche und mit Social Media arbeiten, nicht neu sein.

Die Doku macht einen guten Job das dramatisch und eindrücklich darzustellen, Überspitzung gehört zum filmerischen Handwerk, ist mir klar, doch alle Kolleg:innen, mit denen ich darüber gesprochen habe, waren nicht wirklich überrascht. Das war auch zu erwarten.

Obwohl ich also die Grundkritik der Doku teilen, geht “The Social Dilemma” für mich am eigentlichen Problem vorbei und hat einige ganz entscheidende Schwächen. Die machen die Doku nicht schlecht, handwerklich finde ich sie richtig gut, setzen sie aber in Kontext.

Auf Facebook habe ich bei Daniel Bartel dazu schon kurz kommentiert, siehe folgender Screenshot.

Da mir das Thema aber schon eine Weile im Kopf herumgeistert und ich zahlreiche Gespräche zur Doku hatte, auch einige Kund:innen fragten danach, will ich den Kommentar hier ein wenig ausführen.

Die Bedeutung von Social Media wird über- und unterschätzt

Die in der Doku zu Wort kommenden Menschen, viele davon ehemalige Programmierer:innen und Führungskräfte großer Tech-Konzerne, überschätzen meiner Meinung nach die Wirkung von Social Media.

Die genannten Beispiele, unter anderem der via Facebook befeuerte Hass und die daraus resultierende Gewalt in Myanmar (ab 01:07:00 in der Doku), sind real. Wie gesagt, ich will die Probleme und negativen Wirkungen von Social Media nicht klein reden.

Und auch beim Anstieg von Suiziden und psychischen Probleme bei Jugendlichen in den USA 8und anderen Ländern), in der Doku ab Minute 40:00 zu sehen, spielen Social Media eine Rolle.

Doch genau das ist es: Sie spielen eine Rolle, vermutlich eine entscheidende, sind jedoch keineswegs die singuläre Quelle des Problems, als das sie in der Doku dargestellt werden. Solche Probleme und Entwicklungen werden durch Social Media sicherlich verstärkt, doch sie werden dadurch nicht (allein) verursacht. Der Hass in Myanmar war bereits da. Facebook wirkte als Verstärker, war jedoch nicht die Ursache. Das gleiche gilt für die psychischen Probleme und Suizide. In der Realität sind solche Entwicklungen schlicht komplexer und nicht auf einen einzigen Faktor zurückzuführen.

Gleichzeitig bin ich jedoch auch der Überzeugung, dass die in “The Social Dilemma” zu Wort kommenden Menschen die Wirkung von Social Media, der von ihnen mitgeschaffenen Dienste, unterschätzen. Nur Soshana Zuboff, Harvard Professorin, Data Scientist Cathy O`Neil und Tristan Harris vom Center for Humane Technology sprechen die aus meiner Sicht relevanten Probleme an.

Verschiebung der Machtstruktur, fehlende Verantwortung und Diveristät

Eines der größten Probleme: Durch die großen Tech-Konzerne – und das betrifft auch Firmen wie Apple und Microsoft, die keine Social Media Plattformen betreiben – verschieben sich Macht- und Kontrollstrukturen. Ja, Social Media wirkt sich auch negativ auf Menschen und Gesellschaft aus, doch wir wirken sich global operierende Konzerne, die kein Land und noch nicht mal eine multinationale Organisation oder ein Zusammenschluss von Staat wirksam kontrollieren kann, auf Gesellschaft und Demokratie aus? Ziemlich sicher nicht nur positiv.

Stattliche Regulierung allein kann hier nicht die Antwort sein, doch sie ist, meiner Meinung nach, ein erster wichtiger Schritt. Dabei geht es nicht nur darum, potenziell neue Regeln zu schaffen, sondern bestehende Regeln und Gesetze auch konsequent durchzusetzen, wie es jetzt beispielsweise im Bereich des Datenschutzes versucht wird.

Mein zweites großes Problem, das in der Doku sehr gut sichtbar wird: fehlendes Verantwortungsgefühl. Sean Parker, früher Präsident von Facebook, sagt ab Minute 29:30:

Man nutzt eine Schwachstell der menschlichen Psychologie aus. (…) Wir waren uns dessen bewusst und wir taten es trotzdem.

Von allem ehemaligen Tech-Konzern-Mitarbeitenden, die in der Doku zu Wort kommen, zeigt für mich nur Guillaume Chaslot, ehemaliger Ingenieur bei YouTube und entscheidend für die Entwicklung des YouTube-Empfehlungsalgorithmus verantwortlich, so etwas wie Reue oder Verantwortungsgefühl.

Alle anderen ehemaligen Tech-Fachkräfte gefallen sich in der Rolle der Kritiker:innen, die das System, das sie mit geschaffen haben, angreifen, ohne Verantwortung für ihren Part der Entstehung zu übernehmen. Sicher, das ist subjektiv, doch für mich bietet die Doku ihnen die Möglichkeit, sich von ihrer Verantwortung zu distanzieren.

Diese Haltung besorgt mich. Nicht weil ich sie persönlich absolut daneben finde, das ist mein Problem, sondern weil sie auf eine Haltung hinweist, die auch in den heutigen Führungsetagen der Tech-Konzerne existieren könnte. Wenn dem so wäre, wie könnten diese Tech-Konzerne dann zur Lösung beitragen, wenn sie sich ihrer Verantwortung noch nicht mal bewusst sind?

Dazu passend noch ein Hinweis: Die Männer-Frauen-Verteilung unter den ehemaligen Tech-Konzern-Mitarbeitenden in der Doku ist unterirdisch. Ich zähle gerade mal zwei ehemalige Mitarbeiterinnen, alles anderen sind hellhäutige Männer. Diversität, die dringend nötig wäre um manche Probleme zu erkennen und anzugehen, sieht echt anders aus.

Falsche Versprechen oder: KI wird uns nicht retten


Mein letztes großes Problem schließt an das fehlende Verantwortungsgefühl und die mangelnde Diversität an. In der Doku wird gegen Ende der Eindruck erweckt, die Tech-Konzerne könnten sich ändern und Teil der Lösung sein. Die Nutzer:innen müssten nur ihr Verhalten ändern und die Konzerne würden mitziehen, neue Algorithmen und KI könnten die Probleme lösen.

Das ist, im besten Fall, heuchlerlisch. Einerseits zeigt der größte Teil der Doku, dass die Dienste darauf ausgelegt sind, das Verhalten ihrer Nutzer:innen zu manipulieren. Wie da die nötige Verhaltensänderung stattfinden soll wird nicht erklärt.

Cathy O`Neil bringt es in ihrem TED-Talk- das oben eingebettet YouTube-Video – und in der Doku klar zum Ausdruck. Ab Minute 01:15:15 sagt sie:

Wir erlauben den Technologen, es als Problem darzustellen, das sie lösen können. Das ist eine Lüge. Die Leute reden über KI als würde sie die Wahrheit kennen. KI wird diese Probleme nicht lösen.”

Sie bezieht diese Aussage auf Fake News – und im Kontext der Doku geht es auch um Hatespeech – doch sie gilt auch für die gesamte Entwicklung. Es geht hier nicht um den nächsten Algorithmus, sondern die fundamentalen Mechanismen dieser Plattformen, deren Geschäftsmodelle, ihre Metriken und die Definition von Erfolg.

Kurz gesagt: Die Lösung kann nicht von Tech-Unternehmen kommen, sie muss gesellschaftlich beginnen und dann die Tech-Unternehmen in die Pflicht nehmen.

Wir können Social Media und Technik positiv für uns nutzen – auf geht’s!

Ist jetzt alle schlecht, der Weltuntergang nur eine Frage der Zeit und die eine Frage der Zeit und unsere einzige Hoffnung die Rückkehr ins Offline–Prä-Social-Media-Zeitalter? Ganz sicher nicht.

Wer mich kennt weiß, dass ich Berufsoptimist bin, Social Media – trotz aller hässlichen Seiten – für wirklich wichtiger Werkzeuge halte und nach positiven Veränderungsmöglichkeiten suche.

Die geschätzte Kollegin Vivian Pein hat auf LinkedIn vor kurzem einen Aufstand der Anständigen gefordert. Ihr LinkedIn Beitrag ist in Gänze lesenswert, hier jedoch das für mich entscheidende Zitat:

Unternehmen wie Individuen üben einen Aufstand, der zu all dem Hass, der Desinformation und den manipulativen Kräften im Netz endlich ein Gegengewicht schafft. Dafür braucht es Haltung, fundiertes Wissen im Umgang mit Hassrede und Zeitressourcen.

Genau darum geht es. Wenn wir Social Media – und das gilt auch für andere Technologien – bewusst und gezielt einsetzen, um positive und wichtige Themen zu pushen, um die wirklich relevanten Aspekte anzugehen, um gemeinsam Lösungen zu finden, dann können sie zu Werkzeugen werden, die uns positiv dienen.

Ja, Social Media Dienste verstärken aktuell, wie auch die meisten Medien, durch ihre Mechanismen vor allem negative und polarisierende Themen. Doch es ist an jeder und jeden Einzelnen, an Unternehmen, Nachrichtenorganisationen, Medienschaffenden und nicht zuletzt auch der Wohlfahrt, diese Mechanismen bewusst für die positiven Themen zu nutzen und sich der Polarisierung entgegenzustellen.

Manch eine:r wird das naiv und utopisch nennen. Ich nennen es notwendig, nicht nur für Berufsoptimisten. Denn eines ist sicher: So schnell werden Social Media und Tech-Konzerne nicht verschwinden. Und solange sie so starken Einfluss auf Gesellschaft und Menschen haben, sollten wir alles tun, um diesen Einfluss positiv zu gestalten.

P.S.: Dieser Kommentar ist nicht nur subjektiv, das liegt in der Natur der Sache, sondern auch mit der heißen Nadel einfach runtergeschrieben. Wenn Du also Tippfehler findest: Sag mir gerne in den Kommentaren Bescheid, ich freue mich über die Hinweise und korrigiere sie dann gerne.

Porträt Christian Müller

Christian Müller

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Christian unterstützt als Kommunikationsberater Soziale Einrichtungen, Bildungsträger, KMU und Start Ups auf dem Weg in die digitale Kommunikation. Mit seinen Kunden entwickelt er Kommunikationsstrategien, schult Mitarbeiter und hilft dabei, die nötige Kompetenz inhouse aufzubauen. Das Ziel: Die individuell wichtigen Menschen zu erreichen, Gespräche zu initiieren und tragfähige (Kunden) Beziehungen aufzubauen.

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